Ein Artikel aus der Zeitschrift «ProTier» Nr. 3/17
Text: Nicolai Becker, Feldornithologe
Bilder: zvg

Jede Saison ist für die Vögel eine Herausforderung

Ein Vogel weiss nie, wie die Brutsaison wird. Ein kalter und verregneter Frühling kann bedeuten, dass nur mit viel Glück und starkem Nachwuchs Jungvögel überleben. In einem trockenen Frühling ziehen die fleissigen Vogeleltern sogar mehr als eine Brut gross. Mit ungewissem Ausgang und egal, welche Witterung sie vorfinden, nehmen sie diese Strapaze Jahr für Jahr auf sich.

Lesen Sie im Folgenden zwei Geschichten vom Teichrohrsängerweibchen am Hüttensee und vom Amselweibchen auf dem Zürichberg.

GESCHICHTE I:

Nasskalter Frühling am Hüttensee

Es ist ein kühler Frühlingstag im April 2015, als das Teichrohrsängerweibchen aus dem tropischen Afrika in seinem Brutgebiet am Hüttensee ankommt. An verschiedenen Orten singen Männchen, manche suchen noch ein Weibchen. Unser Weibchen erkundet das Gebiet und die Männchen und entscheidet sich für einen guten Sänger, der noch kein Weibchen hat.

Nun muss alles schnell gehen, denn die Brutzeit ist kurz. Sie bauen ein Nest im Schilf, und schon kurz darauf legt das Weibchen vier Eier und bebrütet diese während 14 Tagen. Die Jungen schlüpfen, und der grosse Fütterungsmarathon beginnt. Es ist nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch gegen die Wetterbedingungen. Der Frühling meint es leider nicht gut; es ist kühl, und immer wieder regnet es in Strömen. Insekten hat es zwar reichlich, doch die fliegen bei dem Wetter nicht viel und verstecken sich im Schilf. Es gelingt unserem Paar zwar, Insekten zu finden, doch leider nicht in ausreichender Menge, um alle Jungtiere zu versorgen. Hinzu kommt, dass wegen des anhaltenden Regens das Nest feucht bleibt.

Das Rohrsängerweibchen hudert seinen Nachwuchs im Nest, damit die Jungen nicht auskühlen, doch die anhaltende Feuchtigkeit in Kombination mit dem Nahrungsmangel fordert ihren Tribut. Ein Jungvogel nach dem anderen ist der Situation nicht mehr gewachsen und stirbt im Nest.

Nässe und Kälte fordern ihren Tribut

Gleich legt unser Pärchen wieder los und startet eine zweite Brut. Die Bedingungen sind jetzt etwas besser, und obwohl aus den vier Eiern des zweiten Geleges nur zwei Junge schlüpfen, sieht es gut aus. Zwei Schnäbel sind leichter satt zu bekommen, und nach fast zwei Wochen sind die Kleinen kurz vor dem Ausfliegen. Dann schlägt das Schicksal erneut zu. Wieder regnet es in Strömen und will nicht aufhören. Beide Eltern suchen pausenlos Insekten für ihren Nachwuchs. Leider vergeblich, der starken Nässe sind ihre Jungen nicht gewachsen, und auch sie sterben im Nest.

Mittlerweile ist es Anfang Juli, und für eine weitere Brut fehlt die Zeit. Das Weibchen muss sich auf den Zug nach Afrika im Herbst vorbereiten. Seine Federn sind teilweise stark abgenutzt und müssen ersetzt werden, damit der lange Zugweg zu meistern ist. Ein Federwechsel braucht viel Energie, und es ist unserem Vogelweibchen in der Hauptmauser nicht möglich, nebenbei noch Eier zu produzieren. Es beginnt, sein ganzes Kleingefieder zu wechseln und nach und nach alle Flügelfedern. Im Herbst sind alle Federn neu, es trennt sich von seinem Männchen, und jeder geht seiner Wege. Wenn alles gutgeht und das Weibchen im nächsten Frühling zurück in die Schweiz kommt, trifft es hoffentlich bessere Bedingungen an und hat mehr Erfolg.

GESCHICHTE II:

Warmer Frühling auf dem Zürichberg

Es ist ein sehr schöner Märztag auf dem Zürichberg, unser Amselweibchen ist eben von Südfrankreich zurück in sein Brutgebiet gekommen und hat ein schönes Männchen gefunden. Das Männchen verbrachte den Winter in der Stadt Zürich und konnte sich ein gutes Revier bei einem Friedhof sichern. Seinem Gesang und seinem tollen Revier konnte das Amselweibchen nicht widerstehen, und es hatte das Glück, die Erste zu sein.

Sie verlieren keine Zeit und bauen sofort ein Nest in einer Hecke. Das Weibchen legt fünf Eier und bebrütet sie, während das Männchen in der Nähe singt, um sein Revier zu markieren.

Fünf kräftige Jungvögel wachsen heran

Alles klappt wunderbar, und alle fünf Junge schlüpfen. Das warme Frühjahr lässt die Jungen schnell und kräftig heranwachsen, und sie verlassen bereits Mitte April ihr Nest. Während das Männchen die Jungen weiter füttert, sitzt unser Weibchen schon auf dem nächsten Gelege von fünf Eiern. Es ist nun Ende April, und es kommt eine für diese Jahreszeit sehr ungewöhnliche Schneefront über die Schweiz. Es schneit ununterbrochen, und die Hecke, in der das Nest gebaut ist, beginnt umzuknicken. Das Weibchen ist gezwungen, sein Nest zu verlassen. Gerade noch rechtzeitig, denn der Schnee drückt die Hecke zusammen, und das Nest mit den Eiern ist zerstört.

Zwei Tage später ist der Spuk vorbei und die Sonne scheint wieder. Sofort bauen die beiden Eltern wieder ein Nest, die Jungen aus der ersten Brut sind in der Zwischenzeit selbständig geworden und müssen nicht mehr gefüttert werden.

Dieses Mal haben sie Glück, und ihre Jungen gedeihen wunderbar. Unser Pärchen schafft es sogar, bis im Juli dreimal erfolgreich zu brüten und insgesamt 14 Junge grosszuziehen. Etwas erschöpft trennen die Altvögel sich, und beide beginnen mit der Hauptmauser. Auch Amseln brauchen dringend ein neues Federkleid, denn im Herbst wird das Weibchen wieder nach Südfrankreich fliegen, um dort den Winter zu verbringen.

Die Natur ist grausam und wunderbar zugleich

Die beiden Geschichten wiederholen sich in der Natur immer wieder. In kalten, verregneten Frühlingen und Frühsommern mit Dauerregen braucht es viel Glück und sehr starken Nachwuchs, damit wenigstens ein paar Jungvögel überleben. Bei trockenen Bedingungen werden solche Verluste aber wieder aufgefangen. Solche Bestandesveränderungen gehören dazu und sind unausweichlich. Es geschieht im Verborgenen, ohne dass wir viel davon mitbekommen.

Deutlich sichtbar werden solche Schicksale für uns dann, wenn wir im Herbst die Vögel beringen. So konnten wir 2015 fast nur mehrjährige Vögel beringen, da die Geschichte unseres Teichrohrsängerweibchens sich in der Natur tausendfach wiederholt hatte. In Jahren mit guten Bedingungen können wir mehrheitlich junge Vögel beringen, was zeigt, dass der Erfolg bei den Vögeln gewaltig ist.

Alle Vögel, die wir draussen sehen, hatten das grosse Glück, dass sie als Jungvögel im richtigen Moment schlüpften und von ihren Eltern fürsorglich aufgezogen wurden. Sie alle gehören zu den Gewinnern im grossen Kampf ums Überleben. Es berührt viele von uns, wenn wir einen Vogel sehen und denken, es sei doch schön, frei wie ein Vogel zu sein. Doch diese Freiheit hat ihren Preis und ist nicht leicht. Das Leben in der Natur ist nicht leicht und doch so wunderbar und schön.

Geniessen Sie den Anblick all der «Gewinner», die vorbeifliegen und uns mit ihrem Gesang verzaubern.

Die Voliere-Notfallstation ist folgendermassen geöffnet: 10.00 – 12.00 und 14.00 – 16.00 Uhr. 
Mehr aktuelle Geschichten über unsere gefiederten Schützlinge der Voliere Zürich finden Sie auch auf Facebook: www.facebook.com/VoliereZuerich

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23 03, 2018

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17 02, 2017

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5 10, 2016

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By |2017-06-02T18:55:00+00:00Oktober 5th, 2016|Allgemein, News, ProTier|0 Comments

Text: Elisabeth Kehl, Voliere-Gesellschaft Zürich / ProTier Ausgabe 3/2016 Foto: © A.Trepte, www.photo-natur.de Vielleicht haben einige Besucher der Voliere Zürich im Frühjahr seltsame klagende und laute Rufe aus einer der Aussenvolieren vernommen und sich an ihre Kindheit erinnert. Möglicherweise an einen Spaziergang durch eine offene und flache Landschaft. Dies sind die unverkennbaren Balzrufe der Kiebitzmännchen gewesen, begleitet von ihren akrobatischen Flugmanövern. Der Lebensraum der Vögel wird leider zunehmend zerstört Europäischer Kiebitz (Vanellus vanellus)